Das ältere Futhark — 24 Runen: rekonstruierte Namen und Bedeutungen
⚠️ Vorbehalt: der Status der Namen (VOR der Tabelle lesen)
Die Runennamen des älteren Futhark sind WISSENSCHAFTLICHE REKONSTRUKTIONEN, KEINE direkt in den Inschriften
des älteren Futhark bezeugten Namen. In den Inschriften des älteren Futhark selbst (ca. 2.–8. Jh.) sind die
Runennamen nicht überliefert — es gibt nur die Zeichen und seltene Runenreihen (z. B. der Stein von Kylver). Die
Proto-Formen (*fehu, *ūruz, *þurisaz …) werden mit der vergleichenden Methode wiedergewonnen aus:
- den Runengedichten — dem angelsächsischen (dem Futhorc, 29 Runen), dem norwegischen und dem isländischen (dem jüngeren Futhark, 16 Runen); siehe die Runengedichte (Dickins 1915);
- den gotischen Buchstabennamen aus der Handschrift Codex Vindobonensis 795 (eine mit Alkuin und der karolingischen Tradition verbundene Abhandlung) —;
- der vergleichenden germanischen Sprachwissenschaft (Wiedergewinnung der urgermanischen Form aus den Kognaten im Altenglischen, Altnordischen, Gotischen, Althochdeutschen).
Verwechsle sie nicht mit den Namen des altenglischen Runengedichts (Feoh, Ur, Ðorn, Os …). Diese Namen gehören zum angelsächsischen Futhorc — einer späteren und eigenständigen Reihe; sie sind einer der Eingänge der Rekonstruktion, nicht die Proto-Formen selbst. Dasselbe gilt für die Namen des skandinavischen jüngeren Futhark.
Ein Sternchen (*) vor einem Namen = eine rekonstruierte, unbezeugte Form (das ist die übliche sprachwissenschaftliche
Notation). Auch die Namensbedeutungen in der letzten Spalte sind Rekonstruktionen, keine „magischen Bedeutungen"; esoterische
Deutungen (Thorsson, Aswynn, Blum, die Armanen-Reihe von von List) sind eine eigene esoterische/umstrittene Schicht (T2) und
werden hier nicht angegeben.
Die Tabelle unten ist gegen offene navigatorische Quellen geprüft (Wikipedia „Elder Futhark" / „Runic alphabet"), die ihrerseits auf der akademischen Runologie ruhen (Düwel, Antonsen, Page, Looijenga und andere). Wikipedia ist Navigation, keine Primärquelle; die akademischen Zuschreibungen sind mit markiert und müssen gegen die Primärliteratur geprüft werden.
Die Tabelle der 24 Runen
Die Reihenfolge ist die übliche Futhark-Reihe (drei Ættir zu 8 Runen). Eine Anmerkung zur Reihenfolge: in den bezeugten
Reihen des älteren Futhark (der Stein von Kylver, ca. 400; die Brakteate von Vadstena) gehen die letzten beiden Runen als
…ingwaz, dagaz, othila/othala (d. h. d vor o). Ein Teil der Lehrliteratur gibt einen alternativen Schluss
…ingwaz, othila, dagaz (o vor d). Unten ist die Reihe in der bezeugten Reihenfolge (d zuerst, dann o) angegeben;
die alternative Reihenfolge ist in der Bemerkung zu den Zeilen 23–24 vermerkt. Das sind verschiedene Ordnungstraditionen,
kein Fehler der einen oder der anderen.
| № | Name (Rekonstruktion) | Laut (IPA / Transliteration) | Namensbedeutung | Tags / Anmerkungen |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Fehu (*fehu) | /f/ (anl. /ɸ/), f | Vieh, Reichtum | historical-fact die Bedeutung ist stabil (vgl. ae. feoh, got. faihu) |
| 2 | Uruz (*ūruz) | /uː/, u | Auerochse (der wilde Stier) | historical-fact das ae. Gedicht gibt „Auerochse"; die norw./isl. Gedichte weichen ab („Schlacke", „Niesel") — |
| 3 | Thurisaz (*þurisaz) | /θ/, þ (th) | Thurse, Riese / Unhold | historical-fact die Bedeutung „Riese/Thurse" ist nach der skandinavischen Tradition stabil |
| 4 | Ansuz (*ansuz) | /a/ (~/ã/), a | (heidnischer) Gott, Ase | historical-fact vgl. altnordisch áss; das angelsächsische Gedicht deutet es als „Mund/Rede" um (Os) |
| 5 | Raido (*raidō) | /r/, r | Reiten, ein Weg, eine Reise | historical-fact |
| 6 | Kaunan / Kenaz (kaunan / kenaz) | /k/, k | „Geschwür, Wunde" (kaunan) / „Fackel" (kenaz) | [unverified] ZWEI konkurrierende Rekonstruktionen — siehe „Umstritten" |
| 7 | Gebo (*gebō) | /ɡ/, g | eine Gabe | historical-fact |
| 8 | Wunjo (*wunjō) | /w/, w | Freude, Wonne | historical-fact |
| 9 | Hagalaz (*hagalaz) | /h/, h | Hagel (der Niederschlag) | historical-fact |
| 10 | Naudiz (*naudiz) | /n/, n | Not, Zwang, Bedrängnis | historical-fact |
| 11 | Isaz (*īsaz) | /iː/, i | Eis | historical-fact |
| 12 | Jera (*jēra-) | /j/, j | ein (gutes) Jahr, Ernte | historical-fact; ae. gēr/ger |
| 13 | Iwaz / Eihwaz (ī(h)waz / eihwaz) | umstritten: /æː/ ~ ein Diphthong ~ /iː/, Transliteration ï / æ | Eibe (der Baum) | [unverified] der Laut ist „hochgradig umstritten" (ein Monophthong vs. ein Diphthong) — siehe „Umstritten" |
| 14 | Perth(ro) (perþrō / perþ- / *pertra) | /p/, p | unbekannt (vermutet: „ein Würfelbecher / Los"? „ein Birnbaum"?) | [unverified] die Bedeutung ist NICHT wiedergewonnen; auch die Namensform ist instabil |
| 15 | Algiz / Elhaz (algiz / elhaz) | /z/ (später /ʀ/), Transliteration z (oder ʀ) | umstritten: „Elch/Hirsch" / „Schutz" / „Riedgras" | [unverified] sowohl der Name als auch die Bedeutung sind umstritten; „der ursprüngliche Name ist unbekannt" (Wikipedia) — siehe „Umstritten" |
| 16 | Sowilo (*sōwilō) | /s/, s | Sonne | historical-fact |
| 17 | Tiwaz (*tīwaz) | /t/, t | der Gott Tiwaz / Týr | historical-fact ein Theonym; vgl. altnordisch Týr |
| 18 | Berkanan (*berkanan) | /b/, b | Birke (ein Birkenzweig) | historical-fact |
| 19 | Ehwaz (*ehwaz) | /e/, e | ein Pferd | historical-fact; vgl. lateinisch equus (ein idg. Kognat) |
| 20 | Mannaz (*mannaz) | /m/, m | ein Mensch, ein Mann, die Menschheit | historical-fact |
| 21 | Laguz (*laguz) | /l/, l | Wasser, ein See | historical-fact; eine seltenere alt. Lesung ist „Lauch" (laukaz?) — |
| 22 | Ingwaz (*ingwaz) | /ŋ/, Transliteration ŋ (ng) | (der Gott/Held) Ing / Ingwaz | historical-fact ein Theonym; die Namensform ist aus dem Theonym Ingwaz wiedergewonnen |
| 23 | Dagaz (*dagaz) | /d/, d | Tag | historical-fact. ⚠ In der alt. Reihenfolge (siehe Kopf) kommt sie NACH othila |
| 24 | Othila (ōþila- / ōþala-) | /o/, o | Erbe, angestammtes Land, das Erbgut | historical-fact die Bedeutung ist stabil; die Namensform schwankt ōþila- / ōþala-. ⚠ In der alt. Reihenfolge kommt sie VOR dagaz |
Die Transliteration ist nach der anerkannten runologischen Konvention in lateinischer Schrift angegeben (þ = th, ŋ = ng, z/ʀ — der späte stimmhafte/stimmlose Sibilant). Die IPA-Werte sind annähernd: die genaue Phonetik mehrerer Zeichen (bes. №13, №15) ist umstritten.
Umstrittene Rekonstruktionen
Festgehalten als verschiedene Deutungen; es wird keine Wahl der „richtigen" getroffen.
- №6 —
*kaunanvs.*kenaz. Zwei konkurrierende Proto-Formen und zwei verschiedene Bedeutungen:*kaunan→ „Geschwür, Wunde, Beule" (gestützt auf das isländische Gedicht kaun „Geschwür" und die norwegische Tradition);*kenaz→ „Fackel" (gestützt auf ae. cēn „Fackel", vgl. das Gedicht: Cen = Fackel). Das sind keine Schreibvarianten eines Wortes, sondern verschiedene etymologische Rekonstruktionen mit verschiedener Semantik. Beide kommen in der Literatur weit verbreitet vor. - №13 —
*ī(h)waz/*eihwaz/*iwaz, der Laut. Die Bedeutung („Eibe") ist stabil, aber der Lautwert des Zeichens ist „hochgradig umstritten" (Wikipedia, unter Berufung auf Odenstedt/Looijenga und andere): es kann ein Diphthong gewesen sein, es kann ein Monophthong im Bereich zwischen vorderem und hinterem Vokal gewesen sein. Es wird unterschiedlich transliteriert (ï, æ, e²). - №14 —
*perþrō/*perþ-/*pertra, die Bedeutung „unbekannt". Die dunkelste Rune: die Bedeutung des Namens ist akademisch nicht wiedergewonnen („Unknown" — Wikipedia). Vermutungen: „ein Würfelbecher/Los", „ein Birnbaum", „eine Vulva" — alle spekulativ. Auch die Namensform ist instabil. Looijenga (1997) vermutet, das Zeichen sei eine Variante vonb.[unverified]/ - №15 —
*algizvs.*elhaz, die Bedeutung. Wikipedia rundheraus: „der ursprüngliche Name ist unbekannt, er überlebt nur in einer verderbten Form aus der altenglischen Tradition" (dort — eolh(x) „Elch-Riedgras"). Rekonstruktionen des Namens:*algiz/*elhaz(„Elch/Hirsch"). Die Bedeutungen, die Forscher vorgeschlagen haben: „Schutz/Abwehr" (eine Arbeit von 1980), „Riedgras" (eine andere, spätere); Wikipedia merkt an, dass „keine dieser Bedeutungen in der übrigen runologischen Literatur vorkommt". Sowohl der Name als auch der Laut (z~ spätesʀ) und die Bedeutung — alles umstritten.[unverified] - №22 —
*ingwaz, der Status. Der Name ist aus dem Theonym wiedergewonnen (dem germanischen Gott/Helden Ingwaz / Ing, vgl. das ae. Gedicht: Ing — ein Held, der „nach Osten" über die Wogen davonfuhr). Das Zeichen (ŋ) selbst ist in den Inschriften selten; die Namensform ist eine Rekonstruktion aus dem Theonym, nicht aus einem bezeugten Runennamen. - №3 — die Herkunft des Zeichens
*þurisaz. Der Streit geht hier nicht um den Namen, sondern um die Herkunft des Graphems: aus dem lateinischen D oder aus dem rätischen Θ (Wikipedia). Das ändert nichts am Namen/an der Bedeutung „Thurse"; zur Vollständigkeit festgehalten. - Die Reihenfolge der Zeilen 23–24 (
dagaz↔othila) — siehe die Anmerkung im Tabellenkopf: die bezeugte (Kylver) vs. die Lehr-Alternative.
Verweise
- die Runengedichte (Dickins 1915) — die Runengedichte (angelsächsisches Futhorc + jüngeres Futhark); das ist der primäre textliche Eingang für die Rekonstruktion der Namen. Zur positionellen Zuordnung der Namen des ae. Gedichts ↔ den Proto-Formen des älteren Futhark siehe jene Notiz (die 24+5-Tabelle).
- Die gotischen Buchstabennamen (Codex Vindobonensis 795) — der zweite, stützende Eingang der Rekonstruktion → gotische Buchstabennamen.