Tacitus, Germania, Kap. 9–10 — die Losweissagung der Germanen
Zusammenfassung
Kapitel 9 gibt den religiösen Kontext: die Germanen verehren „Mercurius" (interpretatio romana — wahrscheinlich Wodan/Odin), „Hercules" und „Mars"; ein Teil der Sueben — „Isis." Sie schließen die Götter nicht in Mauern ein und bilden sie nicht in menschlicher Gestalt ab, sondern weihen ihnen Haine und Wälder. [historical-fact]
Kapitel 10 beschreibt die Weissagungspraxis. Die Germanen verlassen sich „vor allem" auf Vogelschau und Lose (sortes). Das Verfahren: ein Zweig wird von einem fruchttragenden Baum geschnitten, in Stäbchen (surculi) zerteilt, mit „bestimmten Zeichen" (notae) markiert und zufällig über ein weißes Tuch gestreut. Der Priester (bei einer öffentlichen Angelegenheit) oder das Familienoberhaupt (bei einer privaten) ruft die Götter an, zum Himmel blickend, hebt jedes Stäbchen dreimal auf und deutet sie „nach dem zuvor eingeprägten Zeichen." Weiter im selben Kapitel — Weissagung aus dem Vogelflug, aus dem Wiehern und Schnauben heiliger weißer Pferde und aus dem Ausgang eines Zweikampfs zwischen einem Gefangenen und einem Stammesangehörigen. [historical-fact] [ethnographic-data — eine äußere römische Beobachtung, keine Selbstbezeugung der Germanen]
Zentrale Aussagen
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Die Germanen pflegen Vogelschau und Losweissagung sorgfältiger als alle anderen; der Brauch der Lose ist einfach. [ethnographic-data]
„Vogelschau und Losweissagung übt kein Volk eifriger. Der Gebrauch der Lose ist einfach." (Augury and divination by lot no people practise more diligently. The use of the lots is simple.) — Germania 10 (Church & Brodribb 1876)
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Ein Zweig von einem Obstbaum wird in Stücke geschnitten, mit „bestimmten Zeichen" markiert und über ein weißes Tuch gestreut; sie werden nach dem zuvor eingeprägten Zeichen gedeutet. [ethnographic-data]
„Ein kleiner Zweig wird von einem fruchttragenden Baum abgeschnitten und in kleine Stücke geteilt; diese werden durch bestimmte Zeichen unterschieden und achtlos und zufällig über ein weißes Gewand geworfen. … [der Priester oder Vater] hebt jedes Stück dreimal auf und findet darin eine Bedeutung gemäß dem zuvor darauf eingeprägten Zeichen." (A little bough is lopped off a fruit-bearing tree, and cut into small pieces; these are distinguished by certain marks, and thrown carelessly and at random over a white garment. … [the priest or father] takes up each piece three times, and finds in them a meaning according to the mark previously impressed on them.) — Germania 10 (Church & Brodribb 1876)
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Das lateinische Original der Schlüsselstelle über die notae: [historical-fact]
„Virgam frugiferae arbori decisam in surculos amputant eosque notis quibusdam discretos super candidam vestem temere ac fortuito spargunt." — Germania 10 (Latein, The Latin Library)
Wörtlich: „einen von einem fruchttragenden Baum geschnittenen Zweig zerteilen sie in Stäbchen, und diese, durch bestimmte Zeichen (notis quibusdam) unterschieden, streuen sie planlos und zufällig über ein weißes Tuch."
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Die Germanen kennen auch die Weissagung aus dem Flug und den Rufen der Vögel sowie aus dem Wiehern/Schnauben heiliger weißer Pferde, die auf öffentliche Kosten in den heiligen Hainen gehalten werden; dieser Art von Vogelschau vertrauen sie am meisten. [ethnographic-data]
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Diese „Zeichen" (notae) sind Runenschrift. [unverified] — der Text des Tacitus sagt NICHT „Runen"; notae bedeutet einfach „Markierungen/Zeichen", und die Deutung als Runen ist eine spätere Rekonstruktion (siehe unten).
Warum das für die Runologie umstritten ist
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Die Terminologie des Tacitus ist neutral. Das lateinische notae = „Zeichen, Markierungen, Marken" — es ist kein Spezialbegriff für Schrift (für Schrift hieße es litterae). Tacitus behauptet nicht, dies seien die Buchstaben eines Alphabets. [historical-fact]
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Die Chronologie geht nicht auf. Die Germania wurde um 98 n. Chr. geschrieben. Die ältesten unbestreitbaren Inschriften im älteren Futhark datieren in etwa das 2. Jh. n. Chr. (z. B. die Speerspitze von Øvre Stabu, der Kamm von Vimose — ca. 150–200), also etwas später als der Text des Tacitus. [historical-fact] Daher ist die Gleichsetzung der notae von 98 n. Chr. mit einer bereits ausgebildeten Runenschrift chronologisch unbegründet.
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Eine alternative Erklärung. Die „Zeichen" könnten beliebige Zähl-/Losmarken gewesen sein (Kerben, einfache Unterscheidungssymbole), nicht die Grapheme eines Schriftsystems. Für die Losweissagung genügen unterscheidbare Markierungen, kein Alphabet. [unverified — beide Lesungen sind Hypothesen]
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Historiographischer Status. Die Verknüpfung „Tacitus' notae = Runen" ist in der revivalistischen und esoterischen Literatur als „Beweis" für eine antike Runenweissagung beliebt, im akademischen Umfeld wird sie aber höchstens als Möglichkeit dargestellt, nicht als Faktum. Die Behauptung „Tacitus beschrieb eine Runenweissagung" sollte unter dem Tag [unverified] gehalten werden. [revival-claim] für die populäre Version.
Links
- Runenmagie aus den Inschriften (Übersicht) — diese Analyse schließt die „offene Frage zu Tacitus" in jener Notiz.
- die Runengedichte (Dickins 1915) — die Runengedichte; die Futhark-Datierungen werden für den chronologischen Rahmen benötigt.