Abecedarium Nordmannicum
Zusammenfassung
Das Abecedarium Nordmannicum („das nordische/nördliche Abecedar") ist eine kurze kontinentale (9. Jh.) Liste der Namen der 16 Runen des Jüngeren Futhark in Reihenfolge, verbunden durch verknüpfende Wörter in einem gemischten altgermanischen Idiom. Es ist der älteste bekannte Katalog skandinavischer Runennamen — älter als alle eigentlich skandinavischen Runengedichte (das norwegische, 13. Jh.; das isländische, ~1500), die nur in viel späteren Abschriften überliefert sind. — [historical-fact] —
Der Text ist in Codex Sangallensis 878, fol. 321 überliefert — einer Handschrift des 9. Jh. aus der Abtei St. Gallen, verknüpft mit der Fuldaer Tradition (das Werk/der Kreis des Hrabanus Maurus, Abt von Fulda). Auf benachbarten Seiten des Codex stehen das hebräische Alphabet und das angelsächsische Futhorc; das heißt, es ist Teil eines gelehrten Kompendiums über Alphabete, kein magischer/wahrsagerischer Text. — [historical-fact] —
⚠️ Der Zustand des Textes — teilweise verloren. Das Original in der Handschrift wurde im 19. Jh. durch chemische Reagenzien beschädigt, die aufgetragen wurden, um es zu „entwickeln"/konservieren, wodurch sich die Lesung verfärbte und zerstört wurde. Die moderne Rekonstruktion stützt sich wesentlich auf Wilhelm Grimms Zeichnung (1828), die vor der Beschädigung angefertigt wurde. Eine Reihe von Lesungen sind daher Konjekturen. — [historical-fact] —
Der Text ist der Ausgabe Bruce Dickins, Runic and Heroic Poems of the Old Teutonic Peoples (Cambridge, 1915), Appendix, p. 34 entnommen (gemeinfrei). Dickins druckt ihn als Anhang zu den Runengedichten ab, getrennt von den drei „eigentlichen" Gedichten.
Der Text in der gegebenen Form (Dickins 1915, S. 34)
Dickins gibt den Text so wieder (die verknüpfenden Wörter klein; der Runenname großgeschrieben):
Feu forman,
Ūr after,
Thuris thritten stabu,
Os ist himo oboro,
Rat endost ritan
Chaon thanne cliuot.
Hagal, Nauð habet
Is, Ar endi Sol,
Tiu, Brica endi Man midi,
Lagu the leohto,
Yr al bihabet.
Eine Anmerkung zu den Lesungen: Die kanonische Lesung des Namens der 6. Rune ist Chaon (= Kaun), und die der 12. — Tiu (= Týr).
Dickins selbst merkt in einer Fußnote (S. 34) an, dass die Handschrift auch die Runenzeichen selbst daneben geschrieben hat: skandinavische (Jüngeres Futhark) Runen durch den Text hindurch, und darüber hinaus — angelsächsische Runen ober-/unterhalb der Namensreihe (unter Feu forman — die englischen Runen und die Form F; über Hagal — das englische H mit zwei Querbalken; über Ar — das englische A; über Man — das englische M; über Yr — eine Variante des englischen Y). Das ist ein direkter Beleg dafür, dass der Schreiber zwei Runentraditionen kollationierte (die skandinavische und die insulare angelsächsische) auf einem Blatt. — [historical-fact]
Zentrale Aussagen
- [historical-fact] Das Abecedarium Nordmannicum ist die älteste bekannte Liste der Runennamen des Jüngeren Futhark (16 Runen); es wird durch seine Trägerhandschrift (Cod. Sang. 878, 9. Jh.) ins 9. Jh. datiert. — Dickins 1915, p. 34; Wikipedia.
- [historical-fact] Die Handschrift ist Codex Sangallensis 878, fol. 321, 9. Jh., aus der Abtei St. Gallen; verknüpft mit dem Kreis/der Tradition des Hrabanus Maurus (Fulda). Dickins nennt sie geradeheraus „the MS. of Hrabanus Maurus." — Dickins 1915, p. 34.
- [historical-fact] Eine Liste von 16 Namen in Reihenfolge: Feu, Ūr, Thuris, Os, Rat, Chaon, Hagal, Nauð,
Is, Ar, Sol, Tiu, Brica, Man, Lagu, Yr — entsprechend dem Jüngeren Futhark (fé, úr, þurs,
óss/ár-ás, reið, kaun, hagall, nauðr, íss, ár, sól, týr, bjarkan, maðr, lǫgr, ýr). — Dickins 1915, p.
- —.
- [historical-fact] Das Originaltext wurde im 19. Jh. durch chemische Reagenzien beschädigt (zur Konservierung/Entwicklung); man stützt sich auf W. Grimms Zeichnung (1828). Status „teilweise verloren." — Wikipedia. —.
- [unverified] Ein Streit: ist es ein „Gedicht" oder nur eine Liste/ein Merkspruch. In der handschriftlichen/editorischen Tradition wird das Abecedarium manchmal zu den „Runengedichten" gezählt, doch es weist den Runen keine Bedeutung/Signifikanz zu — es listet sie lediglich in Futhark-Reihenfolge auf und verbindet sie durch verknüpfende Wörter („zuerst … danach … der dritte Stab … darüber … am Ende schreibe … dann schließt es sich an …"). Viele Forscher betrachten es daher als Merkliste (ein Abecedar), nicht als Gedicht im Sinne der altenglischen (ae.)/norwegischen/isländischen Tradition. Dickins druckt es als Anhang ab, nicht unter den drei Gedichten. — Wikipedia; Dickins 1915 (die Struktur der Ausgabe). —.
- [historical-fact] Der Text ist sprachlich gemischt: Er gilt als Mischung aus altnordischen (an.), altsächsischen (as.) und althochdeutschen (ahd.) Elementen. Die Runennamen sind nordisch (skandinavisch), während die verknüpfenden Wörter kontinental sind (von as./ahd. Prägung). — Wikipedia. —.
- [unverified] Eine verbreitete gelehrte Entstehungshypothese (KEINE Revival-Hypothese): Der Text geht auf ein dänisches Original zurück, gebracht (möglicherweise aus Hedeby/Haithabu) nach Niederdeutschland und angepasst durch einen einheimischen kontinentalen Schreiber — daher die nordischen Namen mit kontinentalen Bindewörtern. — Wikipedia. —.
- [historical-fact] Auf fol. 321 verband der Schreiber die skandinavischen Runen mit den angelsächsischen (die übergeschriebenen englischen Runen über einem Teil der Namen) — das Blatt ist eine gelehrte Kollation von Alphabeten, keine funktionale Inschrift. — Dickins 1915, p. 34 (Fußnote).
Kontinentale / althochdeutsche Elemente (die verknüpfenden Wörter)
Die Runennamen sind skandinavisch, aber der „Klebstoff" zwischen ihnen verrät einen kontinentalen (ahd./as.) Schreiber. Eine Analyse der verknüpfenden Wörter (vorläufig, die Lesungen nach Dickins): —
| Wort im Text | Bedeutung | Prägung |
|---|---|---|
| forman | „zuerst / zunächst" | as./ae. forman, kontinentales Westgermanisch |
| after | „nach, danach" | gemeingermanisch |
| thritten stabu | „der dritte Stab (Buchstabe/Zeichen)" | stabu — „Stab, Buchstabe" (vgl. deutsch Buchstabe) |
| ist himo oboro | „ist darüber / über ihm" | oboro = ahd. „obere/oben"; himo — ein Dativpronomen |
| endost ritan | „am Ende schreibe / ritze ein" | ritan — „schreiben, ritzen" (ahd. rīzan) |
| thanne cliuot | „dann schließt es sich an / haftet" | cliuot < germ. klīban „haften" |
| habet | „hat / hält" | eine ahd./as. Form von „haben" |
| endi | „und" | as./ahd. endi (= „und") |
| the leohto | „das Licht / helle" (zu Lagu) | leohto — „Licht", ae./as. Prägung |
| al bihabet | „umfasst / schließt alles ab" (zu Yr) | bihabet „umfasst", das kontinentale Präfix bi- |
Die Schlussfolgerung: eine skandinavische Runenreihe unter der Feder eines südgermanischen (Fulda–St.-Gallen-)Buchgelehrten — daher die charakteristische Hybridität. Das stimmt mit dem Kontext des Codex überein (ein gelehrtes alphabetisches Kompendium des Hrabanus-Maurus-Kreises). —.
Verknüpfungen
- die Runengedichte (Dickins 1915) — dieselbe Dickins-Ausgabe (1915); das Abecedarium ist dort als Appendix, S. 34 abgedruckt, getrennt von den drei Runengedichten.
- Das Jüngere Futhark (16 Runen) — das Abecedarium gibt den ältesten Katalog seiner Namen; ein Gegenstück zum norwegischen und isländischen Runengedicht (ebenfalls 16 Runen, aber semantisiert — anders als das Abecedarium, das keine Bedeutungen gibt).
- Das angelsächsische Futhorc — auf demselben fol. 321 sind die englischen Runen geschrieben; ein Punkt für den Abschnitt, der die insulare und die kontinentale Tradition vergleicht.
- Die Rekonstruktion des Übergangs Älteres→Jüngeres Futhark (24→16): Die Namen des Abecedariums sind eines der frühen Zeugnisse der nordischen 16-Zeichen-Reihe auf dem Kontinent.